1.Samuel 13,8 – Saul wartet nicht

Wie vieles im Leben, so ist auch die Geschichte, als Saul auf Samuel warten sollte, sehr kompliziert.

Denn sie reicht vergleichsweise weit zurück.

Es beginnt schon zwei Jahre vorher, als nämlich Samuel dem Saul erklärt, dass dieser König werden soll.

Wobei wir das Problem haben, dass der, der uns die Geschichte aufgeschrieben hat, nur das erzählt, von dem er denkt, das wüssten wir nicht.

Aber das, was nach seiner Meinung ohnehin klar ist, das lässt er weg.

Der philistäische Knackpunkt

Samuel hat Saul ja nicht aus eigenem Antrieb berufen. Sondern Gott hat genaue Anweisungen für diese Berufung gegeben.

Und zu diesen Anweisungen gehörte 1. Samuel 9,16 

16Morgen um diese Zeit werde ich einen Mann aus dem Land Benjamin zu dir senden, den sollst du zum Fürsten über mein Volk Israel salben! Der wird mein Volk aus der Hand der Philister retten. Denn ich habe die Not meines Volkes angesehen, und sein Geschrei ist vor mich gekommen.

Der Grund für die Berufung dieses Königs war nicht, dass endlich mal ein einheitlicher Staat Israel gegründet werden müsste.

Der Grund für die Berufung Sauls war nicht, dass eine vernünftige Verwaltung und eine planmäßige Infrastruktur her müsse.

Auch die Disziplinierung abtrünniger Stämme und Sippen war nicht der Grund.

Der Hauptgrund war, dass die Philister über einen großen Anteil des gelobten Landes herrschten. Was nicht angenehm war, mal ganz davon abgesehen, dass das gelobte Land eigentlich Israel gehören sollte.

Und die Hauptaufgabe des neuen Königs war, an diesem Zustand etwas zu ändern.

Saul weiß etwas

Man hat diese Hauptaufgabe des neuen Königs nicht so im Blick, weil dieser Auftrag in den Samuelbüchern nur Samuel mitgeteilt wird, nämlich in der oben zitierten Stelle 1.Sam 9,16.

Aber als Saul und Samuel sich das erste Mal trafen, da haben sie offenbar lange miteinander gesprochen. Zuerst waren sie bei einem großen Abendessen, und danach 1. Samuel 9,25 

25Und sie gingen von der Höhe in die Stadt hinab; und er redete mit Saul auf dem Dach.

Natürlich können Sie jetzt behaupten, die beiden hätten nur über das Wetter, die neuesten Netflix-Serien und die Probleme der Eselzucht gesprochen.

Ich behaupte allerdings: Samuel hat dem Saul alles das erzählt, was Gott ihm auch erzählt hatte. Saul musste ja wissen, auf was er sich einließ. Und dass er sich anlässlich seiner Wahl zum König zwischen den Kamelen versteckte (1.Sam 10,22), zeigt ja, dass er ziemlichen Schiss hatte vor dem, was ihm da bevorstand. Der wusste, dass man mehr von ihm verlangte als auf einem Thron zu sitzen und königliche Reden zu führen.

Die lange Vorgeschichte

Das habe ich Ihnen hier alles aufgeschrieben, weil sonst nämlich die Aufforderung von Samuel, 7 Tage zu warten, nicht zu verstehen ist.

Denn die Aufforderung, zu warten, ergeht schon bei diesem ersten Treffen. Als Saul zum ersten Mal hört, dass er König werden soll. Da erzählt Samuel ihm, was im Laufe des aktuellen Tages passieren soll, und schiebt dann diesen Auftrag hinterher, der aber erst zwei Jahre später relevant wird: 1. Samuel 10,8  

8Und geh vor mir nach Gilgal hinab! Und siehe, ich werde zu dir hinabkommen, um Brandopfer zu opfern und Heilsopfer zu schlachten. Sieben Tage sollst du warten, bis ich zu dir komme und dir zu erkennen gebe, was du tun sollst.

Und das Blöde ist nun, dass Saul und Samuel in diesen zwei Jahren schon mindestens einmal zusammen in Gilgal waren (1.Sam 11,14). Gilgal war zu dieser Zeit ein heiliger Ort und diente als Versammlungsort des Volkes und vor Gott. (Vielleicht auch deshalb, weil es so weit östlich lag, dass es außerhalb der Reichweite der Philister lag, die auf ca. 70% des Landes zugreifen konnten.)

Aber bei diesem Termin in Gilgal gab es nichts zu warten. Es war die Königswahl, bei der gleichzeitig Samuel zurücktrat und Saul nun unangefochten König war. Da sind die beiden vermutlich gleichzeitig hingereist.

Wenn man also verstehen will, warum Samuel zwei Jahre vorher den Befehl mit dem Warten in Gilgal gab, dieses Ereignis aber erst stattfand, als man zum wiederholten Mal in Gilgal aufschlug, dann muss man verstehen, dass es Gott um die Verdrängung der Philister ging.

Dass Saul König wurde und den Ammoniter Nahasch besiegte, war alles gut und schön. Das hatte auch alles was mit Gott zu tun.

Aber die große Aufgabe und das Zentrum von Sauls Regentschaft war das Vertreiben der Philister. Gottes wichtigste Berufung bezog sich auf das Theater aus dem Gazastreifen.

Und als Samuel damals, in 1.Sam 10,8, auf die 7 Tage Warten in Gilgal hinwies, sprach er über diese große Aufgabe. Über den Moment, in dem Saul vor dem wichtigsten Moment seiner Regentschaft stand.

Die Ausnahme von der Anweisung

Als Samuel dem Saul sagte, dass er König werden sollte, hatte er außerdem hinzugefügt, dass Saul in dieser Rolle als König an und für sich freie Hand hat.

Er konnte im Grunde regieren, wie er wollte.

Er hätte eine Verwaltung aufbauen können oder eine Hauptstadt bestimmen, wie David es nach ihm machte. Er hätte eine Bodenreform initiieren können oder das Erbrecht verändern.

Für alle diese Dinge hätte er Gott nicht extra fragen müssen. Das sagt Samuel ihm ausdrücklich: „Tue, was deine Hand finden wird.“

Aber es gibt eine Ausnahme.

Die Befreiung von den Philistern soll als eine Handlung Gottes verstanden werden.

Als ein Wunsch Gottes.

Schließlich hat die Bevölkerung auch zu Gott gebetet wegen dieser Misere. Nicht zu Saul.

Darum ist in Samuels Anweisung für die Berufstätigkeit des Königs beides drin: Die Freiheit, und die Ausnahme von der Freiheit: 1. Samuel 10,7–8 

7Und es soll geschehen, wenn bei dir diese Zeichen eintreffen, so tu, was deine Hand finden wird! Denn Gott ist mit dir.

8Und geh vor mir nach Gilgal hinab! Und siehe, ich werde zu dir hinabkommen, um Brandopfer zu opfern und Heilsopfer zu schlachten. Sieben Tage sollst du warten, bis ich zu dir komme und dir zu erkennen gebe, was du tun sollst.

Und darum nennt der Autor der Samuelbücher diese Ausnahme auch schon zwei Jahre, bevor das relevant wird: Weil es für Saul das einzige Thema war, bei dem Gott ihn deutlich limitiert hat.

Warum Saul bestraft wurde

Wenn wir Sauls Verhalten beim Aufmarsch der Philister betrachten, müssen wir eigentlich sagen, dass er politisch und kultisch alles richtig gemacht hat.

Dass er ungeduldig war, weil seine Leute sich alle verkrümelten, ist verständlich. Und dass es ihm deshalb pressierte, ist politisch angemessen.

Saul hat außerdem die 7 Tage auf Samuel gewartet. Der Bibeltext sagt nicht, dass Saul schon nach dem 6.Tag die Opfer gebracht hat. Oder dass er 10 Minuten vor Ablauf des 7.Tages das Opfer brachte.

Der Text erweckt durchaus den Eindruck, dass Saul alles richtig gemacht hat. Er hat sogar vor Beginn der Kampfhandlungen das Opfer gebracht, um Gott in diesen Kampf gegen die Philister hineinzunehmen.

Wenn man jetzt die vielen Predigten und Kommentare zu dieser Bibelstelle liest, dann laufen die immer auf die zwei gleichen Punkte hinaus:

·         Saul war nicht gehorsam.

·         Saul hatte nicht genug Glauben.

Das mag ja nun alles so sein, aber es greift viel zu kurz.

Denn Saul hatte nicht verstanden, dass dieser Krieg Gottes Krieg war.

Dass die Befreiung von den Philistern ein Punkt auf Gottes To-Do-Liste war, nicht primär auf Sauls Liste.

Der Kampf gegen Nahasch war Sauls Sache, und dafür sollte auch Saul den Applaus bekommen. Und so geschah es auch, denn Saul hat sich durch den Kampf gegen Nahasch (1.Samuel 11) den Respekt der Leute verdient und wurde anschließend von ihnen als König anerkannt.

Aber der Kampf gegen die Philister war Gottes Sache.

Man könnte also sagen: Saul hat Gott nicht Gott sein lassen.

Er konnte nicht zwischen Gottes Absichten und seinen eigenen unterscheiden. Ja, die waren in diesem Fall deckungsgleich. Aber wenn ich etwas will und Gott das Gleiche will, dann ist in diesem Willen immer noch ein Unterschied.

Und Saul hat das bis zum Schluss nicht verstanden. Er hat sich (im Gegensatz zu David bei solchen Gelegenheiten) auch nicht für seinen Fehler entschuldigt. Weil er den Fehler überhaupt nicht erkannt hat.

Die größere Dimension

Das Problem von Saul war, dass er Gott nicht erkennen konnte. Dass er Gottes Gedanken nicht hören konnte.

Vermutlich, weil er Gott nicht genug liebte.

Saul akzeptierte Gott.

Aber die Frage, wie wir sie heute modern formulieren „Was liegt Gott am Herzen“, diese Frage war ihm völlig fremd.

Saul akzeptierte Gott, wie man die Kuh auf der Wiese akzeptiert: Man füttert sie, man streichelt sie, man melkt sie. Man akzeptiert, dass die Kuh da ist, und dass sie gewisse Forderungen und Grundbedürfnisse hat.

Aber man bemüht sich nicht, die Kuh zu verstehen.

Man fragt die Kuh nicht, was sie auf dem Herzen hat oder wen oder was sie besonders liebt.

Die Kuh ist vorhanden, die Kuh lebt, und man verhält sich so, dass man keinen Ärger mit der Kuh kriegt und dass die Kuh funktioniert.

Es gibt eine große Menge Christen, die gehen mit Gott heute genauso um.

Aber das reicht nicht.

Darum hat Gott auch nie mit Saul direkt geredet. (Anders als mit David oder Mose.)

Denn Gott einfach nur zu akzeptieren, das reicht nicht.