Psalm 24 – das unvollendete Werk

Ich kann es ja nicht leiden.

Wenn Bücher oder Filme kein richtiges Ende haben.

Wenn beim Krimi am Ende nicht erfährt, wie bestürzt der Mörder bei seiner Festnahme war und wenn man bei einer Liebesgeschichte ein offenes Ende hat.

Wenn ich nicht wissen will, wie die Geschichte ausgeht, würde ich das Buch doch gar nicht erst lesen!!!!!

Und darum ist der Psalm 24 nichts für mich. Weil das Ende offen bleibt.

Worum es geht

Der Psalm dreht sich darum, dass Gott die Erde betreten will.

Um auf die Erde zu kommen, braucht Gott sowohl ein Recht dazu als auch Menschen, die ihn reinlassen. Das ist der ganze Inhalt des Psalms.

Gottes Rechte (juristisch)

Psalm 24,1–2 (ELB)

1Von David. Ein Psalm. Des Herrn ist die Erde und ihre Fülle, die Welt und die darauf wohnen.

2Denn er, er hat sie gegründet über Meeren und über Strömen sie festgestellt.

Damit geht es mal los: Mit der Frage, ob Gott überhaupt irgendwelche Rechte hat.

Ist das nicht anmaßend, dass Gott auf die Erde kommen will und dann auch noch der Größte sein will?Psalm 24

Und der Schreiber sagt eindeutig: Gott darf die Erde betreten. Sie gehört ihm nämlich. Mit allem, was da drauf ist. Einschließlich aller Menschen. Die gehören auch ihm.

Und die Begründung, warum das alles Gott gehört, ist recht einfach: Gott hat das alles hergestellt. Er hat die Herstellung auch bezahlt. Gott hat die Rohstoffe nicht irgendwo geklaut.

Auch die Idee für das Ganze war von Gott, und hinter dem Produktionsprozess steht ausschließlich Gottes Knowhow. Niemand anders hat etwas beigesteuert, also muss Gott sein Recht an der Erde und dem Universum mit niemandem teilen.

Es ist Gottes alleiniges Recht, die Welt zu betreten. Er muss niemanden fragen, und er muss sich dieses Recht mit niemandem teilen.

Und wir wissen natürlich mittlerweile, dass es hier nicht primär um die Rechtsfrage geht.

Es geht hier um die Sinnfrage.

Denn die ganze Welt ist nur geschaffen worden, damit Gott die Erde betreten kann und mit den Menschen zusammen leben kann.

Die Frage ist also: Macht die ganze Schöpfung überhaupt Sinn? Und die Antwort ist natürlich: Ohne Gott irgendwie nicht.

Darum wäre es ganz wichtig, dass Gott die Erde betritt. Weil man sonst nur Chaos und Durcheinander und Sinnlosigkeit hat.

Vorhandene Menschen

Nun kann Gott aber die Erde nur betreten, wenn entsprechende Menschen da sind, die mit Gott zusammen sein wollen und mit denen Gott auch zusammen sein will und kann.

Gott will ja nicht mitten im Urwald erscheinen und mit den Affen und den Papageien auf den Bäumen sitzen. Der Mensch wurde deshalb nach dem Bilde Gottes geschaffen, damit eine gewisse Kommunikation mit Gott möglich ist

Wir brauchen jetzt also Menschen, die Gott auch tatsächlich treffen wollen, und die Gott seinerseits ebenfalls treffen will.

Psalm 24,3 (ELB)

3Wer darf hinaufsteigen auf den Berg des Herrn und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?

Denn nur dort kann man Gott treffen. Gott betritt die Erde durch eine relativ enge Tür.

Das hat zumindest mal den Vorteil, dass man weiß, wo man Gott optimal treffen kann.

Man muss Gott nicht in Indonesien oder Argentinien suchen. Es geht hier nicht um die Tatsache, dass Gott irgendwie sowieso überall ist, weil er eben allumfassend ist und grenzenlos und man darum in jeder Ecke der Welt zu jeder Zeit beten kann, weil Gott es immer und überall hören wird.

Es geht hier um eine viel engere Form von Gemeinschaft, um ein viel intensiveres Erscheinen Gottes als nur irgendwo im Wald.

Und dafür gibt es einen bestimmten Ort, und die Frage ist, wer dort hin darf. Psalm 24,4

4Wer unschuldige Hände und ein reines Herz hat, er, der seine Seele nicht auf Falsches gerichtet und nicht zum Betrug geschworen hat.

Das reine Herz kennen wir schon aus der Bergpredigt.

Dass man die Seele nicht auf Falsches gerichtet hat, meint, dass man nicht etwas zum Mittelpunkt des Lebens oder des Denkens gemacht hat, was mit Gott nicht vereinbar ist.

Wer also charakterlich die Voraussetzungen erfüllt, dass er dahin kommen kann, wo Gott die Erde betreten will, der …

5Er wird Segen empfangen vom Herrn und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.

Wenn hier von Segen gesprochen wird, geht es nicht um reiche Ernte und viele Kinder. Solche Dinge spielen in dem ganzen Psalm keine Rolle. Das passt überhaupt nicht in den Zusammenhang.

Sondern der Segen besteht daraus, dass man eben Gott nahe sein kann. Und damit das überhaupt geht, empfängt man Gerechtigkeit vom Gott des eigenen Heils.

Nicht vom Gott der Schöpfung.

Nicht vom Gott der Heerscharen.

Denn wenn Gott jetzt kommt, dann kommt er zum Segen, zum Heil. Damit das Kommen Gottes für den Menschen nicht zu einem Fiasko wird, muss Gott dem Menschen das Heil mitbringen, hier nennt man es „Gerechtigkeit“. Wer also von sich aus die Bedingungen erfüllt, Gott zu empfangen, bekommt von Gott den Rest verliehen, den man nicht selber machen kann.

Und damit nun kein Irrtum entsteht, wer diese Menschen sind, werden sie genau definiert. Damit nicht die falschen die Hände heben und sich für berufen halten.

Psalm 24,6 (ELB)

6Das ist das Geschlecht derer, die nach ihm trachten, die dein Angesicht suchen: Jakob.

Gott hat das nicht dem Zufall überlassen, ob irgendjemand vielleicht auf ihn wartet.

Das hatte nämlich schon einmal nicht funktioniert: Vor der Sintflut. Darum hat Gott die damaligen Menschen vernichtet, weil da niemand auf Gott wartete, sich niemand mit Gott treffen wollte. Aber eine Existenz von Menschen ist sinnlos, wenn keine Gemeinschaft mit Gott zustande kommt.

Darum hat Gott bestimmte Menschen dafür berufen, auf ihn zu warten und die Gemeinschaft mit Gott herzustellen. Das waren, als der Psalm geschrieben wurde, die Israeliten, das ist heute die weltweite Gemeinde. Gott definiert von vornherein eine Gruppe, die dafür da ist, dass Gott durch diese Gruppe die Erde betreten kann.

Gott kommt

Nachdem nun also feststeht, dass Gott das Recht hat, die Erde zu betreten und dass es auch Menschen gibt, die ihn empfangen können und wollen und die praktisch die Tür darstellen, durch welche Gott die Erde betritt, kann es nun also losgehen.

Psalm 24,7 (ELB)

7Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, und erhebt euch, ihr ewigen Pforten, dass der König der Herrlichkeit einzieht!

Die ewigen Pforten sind die Tore der Welt, ganz allgemein, wobei natürlich eigentlich die Gläubigen diese Tore darstellen. Denn Gott kommt entweder durch uns in diese Welt, oder überhaupt nicht.

Und wer in die Tore der Welt jetzt einziehen will, das muss man sich in der Ohren zergehen lassen, und das wird für den Rest des Psalms auch das große Thema: Da kommt nämlich der König der Herrlichkeit.

Wir sind solche Phrasen natürlich gewöhnt, da fällt einem dann nichts mehr dran auf, aber eigentlich ist diese Formulierung zumindest seltsam.

Wir haben einen König. Über einem König ist nichts mehr. Die Zustände im Deutschen Reich waren damals noch nicht bekannt, wo über den Königen noch ein Kaiser war. Normal war, dass der König der Höchste ist, wo nichts mehr drüber ist.

Und die Herrlichkeit ist ebenfalls das Höchste. Herrlicher als Herrlichkeit geht nicht. Herrlichkeit ist schon an sich das Optimum, da gibt es nichts mehr drüber.

Wir haben hier also den Höchsten des Höchsten. Den Größten des Größten. Eben: Den König der Herrlichkeit.

Eine Formulierung, die Gott meint und ganz klar ausdrückt, dass der absolut konkurrenzlos ist und dass da nichts drüber ist und auch nichts daneben, denn es gibt nicht zwei oder fünf Könige der Herrlichkeit.

Und damit kommen jetzt neue Probleme auf uns zu. Denn auf die Aufforderung, die Tore aufzumachen, reagieren die Zuständigen nicht etwa mit Begeisterung, sondern mit einer Frage: Psalm 24,8 (ELB)

8Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der Herr, stark und mächtig! Der Herr, mächtig im Kampf!

Die Frage ist weder rhetorisch noch liturgisch gemeint.

Die Gläubigen hatten gedacht, jetzt kommt Gott. Das war, was im ersten Teil des Psalms angekündigt worden war. Statt dessen kommt jetzt aber ein Wesen, welches den Anspruch hat, das Höchste und Beste und Schönste und Herrlichste der Welt zu sein.

Psalm 24 EndeDie Gläubigen dachten, sie machen einen Stuhlkreis, und auf einem Stuhl sitzt unser Geld, und auf einem Stuhl sitzt unsere persönliche Prägung, und auf einem weiteren Stuhl sitzen unsere Vorurteile und auf einem weiteren Stuhl sitzt das, was wir lieben, und jetzt wird ein neues Stuhl dazugestellt, und da darf dann Gott drauf sitzen.

Gott ist also gleichberechtigt mit all den anderen Dingen meines Lebens. Und mal mache ich, was mein Geld sagt, und ein andermal, was meine Freunde sagen, und ein andermal mache ich, was Gott sagt.

So geht Gleichberechtigung. Jeder kommt mal zum Zuge.

Aber der König der Herrlichkeit kommt nun, alle die anderen zu bekämpfen! So lautet ja auch die Antwort: Psalm 24,8 (ELB)

8Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der Herr, stark und mächtig! Der Herr, mächtig im Kampf!

Der will meine Vorurteile bekämpfen und meine Prägungen und alles das, was ich mehr liebe als ihn – der will ganz alleine mit mir im Stuhlkreis sitzen!

Und darum machen die die Tür nicht auf.

Die lassen den nicht rein. Die Tore bleiben zu.

Also geht das ganze Spiel nochmal von vorne los: Psalm 24,9 (ELB)

9Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, und erhebt euch, ihr ewigen Pforten, dass der König der Herrlichkeit einzieht!

Allerdings will es scheinen, als seien wir in einer Endlosschleife gefangen: Psalm 24,10

10Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit? Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit!

Und damit endet der Psalm.

Es ergeht die Mitteilung, dass der Herr der Himmelsheere selbstverständlich auch der König über alles und jedes ist, und ob die Gläubigen die Tore jetzt aufmachen, wird offen gelassen.

Die Aussage des Psalms

Der Psalm will sagen, dass die Gläubigen selbstverständlich bereit sind, Gott zu empfangen. Sie reinigen sich auch, also innerlich, und halten die Gebote, weil das ja nicht so schlecht ist, wenn Gott kommt und man gesegnet ist und erlöst und alle diese Dinge.

Und man stellt sich das so schön vor, dass Gott einen gern hat und dass eine friedliche Atmosphäre herrscht und so ein bisschen der Himmel auf Erden.

Aber dann kommt der tatsächlich, aber da kommt irgendwie ganz jemand anders, als wie man sich das vorgestellt hatte.

Einer, der nicht gleichberechtigt mitreden will.

Und ja, Religion und Glaube, das ist schön. Das haben diese Leute ja auch schon. Sie warten ja schon auf Gott, sie suchen sein Angesicht, so sagt es der Psalm.

Aber man verbindet damit doch nicht jemanden, der alles bekämpft, was mir lieb und wichtig ist! Der jeden meiner seit Jahrzehnten gedachten Gedanken in Frage stellt, der alle meine Haltungen auf den Prüfstand stellt und also zu deutsch ständig Schwierigkeiten macht!

Dass Gott in die Welt kommen will, OK. Aber doch nicht, dass er meine Welt mit aller Kraft in seine Welt umwandelt!

Allerdings macht es keinen Sinn, dass Gott in die Welt kommt, wenn er dann nicht der Stärkste ist. Irgendwelche Halbstarken haben wir genug in der Welt und in unserem Leben.

  • Vorsätze, die sich nicht richtig durchsetzen lassen.

  • Geld, das dann doch nicht bringt, was man von ihm erwartet.

  • Menschen, die man gern hat, die einen dann aber doch enttäuschen. Oder sterben.

  • Vorurteile, die einem aber letztlich doch nur im Wege stehen, obwohl sie ja eigentlich dazu gedacht waren, Menschen und Dinge in Schubladen einzuordnen und es dadurch einfacher zu haben im Leben.

  • Irgendwas, was man will, aber was man dann doch nicht hinkriegt und was dann auf halber Strecke liegenbleibt und was einem irgendwie wichtig ist, aber so wichtig dann auch nicht.

Wenn Gott kommt, und das ist dann auch irgend so etwas halbstarkes, dann wird er nicht kommen wollen. Weil es dann völlig sinnlos ist. Halbstarkes haben wir genug.

Ende

Am Ende des Psalms wissen wir nicht, ob die Leute Gott nun reingelassen haben oder nicht.

Und die Frage ist ja bis heute nicht geklärt.

Auch heute gibt es Leute, die einen starken Glauben haben und enorme Bibelkenntnis und einen heiligen Lebensstil.

Aber Gott reinzulassen, das ist ja nochmal was anderes.

Der Psalm endet nicht sehr optimistisch.

Wahrscheinlich zu recht.