Genesis 35,8 die unverhoffte Kinderfrau

Stellen Sie sich vor, Ihr Tod ist das erste Ereignis Ihres Lebens, bei dem die Chronisten der Weltgeschichte Sie für namentlich erwähnenswert halten.

Das ist schon seltsam.

Ihr Tod ist für die Umwelt das wichtigste Ereignis Ihres Lebens.

Ich bin mir nicht sicher, ob das ein großes Kompliment ist.

So geschehen hier mit Debora, der Amme von Jakobs Mutter.

Wir erfuhren zwar in Genesis 24,59, dass Rebekka bei ihrer Reise zu ihrem Bräutigam von einer Amme begleitet wurde, aber der Name wird dort nicht erwähnt.

Und seitdem haben wir nie wieder etwas von dieser Frau gehört.

Und jetzt taucht sie plötzlich in einem Text wieder auf, in dem eigentlich von Jakobs Beziehung zu Gott die Rede ist.

Also Jakob kommt, so Vers 7, nach Bethel und baut dort einen Altar – nebenbei gemerkt: Das hätte längst geschehen müssen, denn Jakob war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon 10 Jahre aus Mesopotamien zurück – und dann begegnet dem Jakob Gott, der ihn ja schließlich auch nach Bethel hinbeordert hat.

Nein, eben nicht.

Nach dem Bau des Altars und vor dem Erscheinen Gottes wird uns nicht nur der Tod dieser bis dahin fast unbekannten Frau erwähnt, sondern auch, wo sie begraben wurde und wie die Stelle, wo sie begraben wurde, seitdem genannt wird: „Eiche des Weinens“. Und dieser Name für diesen Platz stammt von Jakob selber.

Der weint also plötzlich in bemerkenswerter Weise um eine Frau, die in der bisherigen Geschichte keine für uns sichtbare Rolle gespielt hat.

Eine Frau, von der wir gar nicht wissen, wie sie auf einmal in Jakobs Haushalt kam.

(Wir gehen davon aus, dass sie zu Jakobs Haushalt gehörte, weil Jakob sie da, wo er gerade war, begrub. Sie könnte natürlich auch die ganze Zeit bei Isaak gelebt haben und war jetzt bei Jakob zu Besuch, möglicherweise sogar, um ihm den Tod seiner Mutter mitzuteilen.)

Und der Bericht über ihren Tod und ihr Begräbnis unterbricht ziemlich unpassend die Geschichte der Wiederannäherung zwischen Jakob und Gott.

Da muss es einem doch in den Ohren klingeln. Da muss man doch die Nachtigall trapsen hören.

Der Verlust zum Zwecke des Gewinns

Also kurz gesagt: Bevor Gott kommen kann, muss die Kinderfrau sterben.

Die Kinderfrau war die letzte irdische Verbündete von Jakob.

Wie wir spätestens seit dem Blutbad von Sichem wissen, waren die Söhne von Jakob keineswegs Verbündete auf dem Wege zum Segen und zum Wohlergehen. Übrigens sehen wir das auch später beim Verkauf von Josef, dass Jakobs Söhne ihm nicht unbedingt zugetan waren.

Von Isaak ist bekannt, dass er Esau lieber mochte als Jakob und auch versucht hat, Esau den göttlichen Segen zukommen zu lassen, obwohl er wusste, dass Gott diesen Segen für Jakob vorgesehen hatte.

Dass Laban nicht zu Jakobs Verbündeten zählte, haben uns lange Erzählungen berichtet; mit Lea hatte Jakob es auch verdorben, und Rahel scheint im Machtpoker keine große Rolle gespielt zu haben und ist ohnehin kurz nach Debora gestorben.

Jakobs tatkräftigste und zuverlässigste Verbündete im Kampf um den Segen Abrahams mit allem, was dazu gehörte, war Rebekka. Sie hatte den Plan geschmiedet und ausgeführt, durch den Jakob zu dem göttlichen Segen gekommen war, und sie hatte durch ihre Lügen über Esaus Ehefrauen Jakob zur Flucht vor Esau verholfen. Und zwar zu Leuten, von denen Rebekka eine gewisse Solidarität erwarten konnte.

Und seit Rebekka tot war, war die letzte verbliebene Verbündete die lebenslange engste Vertraute von Rebekka, die als ihre Amme und letztlich wohl als eine Art Dienerin oder Sklavin den Willen ihrer Herrin zu ihrem eigenen gemacht hatte.

Die irdischen Mittel

Jakob hatte immer wieder versucht, den Segen Gottes unabhängig von Gott zu bekommen.

Er hat Gott nicht vertraut.

Der Gedanke, dass der Segen Gottes absolut und nur von Gott abhängt, war Jakob fremd. Er dachte, wenn er sich den Segen Gottes selber holt, dann kann Gott ihm den nicht mehr wegnehmen. Und was man hat, das hat man.

Die letzte Aktion dieser Art war der Ankauf von Land nahe Sichem. Jakob wollte nicht warten, bis Gott ihm, wie versprochen, das Land gab.

Aber jetzt wollte Gott, dass Jakob nach all den Beweisen von göttlicher Güte und göttlicher Macht endlich alleine von Gott abhängig war.

Gott wollte Jakob den Segen Isaaks geben.

Aber Gott wollte der Einzige sein, der Verursacher dieses Segens war.

Unter Druck geweint

Und Jakob war unter Druck. Nach dem Blutbad von Sichem war er wirklich in Gefahr. Er würde sich nicht alleine gegen die Kanaaniter durchsetzen können.

Jakob brauchte Gott jetzt dringend.

Er brauchte den Segen, den Isaak von Abraham geerbt hatte, jetzt drängender denn je.

Und darum war er jetzt bereit, nach Bethel zu gehen und sein Versprechen einzulösen, was er so viele Jahre hinausgezögert hatte.

Darum war er jetzt bereit, für die Beseitigung der fremden Götter in seiner Familie zu sorgen. (Und sie übrigens ebenso wie Debora zu vergraben.)

Aber geweint hat Jakob trotzdem.

Um Debora.

Nein, eigentlich um den Verlust der irdischen Verbündeten.

Und dass er jetzt Gott als seinen einzigen Verbündeten akzeptieren musste.

Doch, solche Leute haben wir auch in den Gemeinden mehr als genug.

Die sich vor Unbehagen krümmen, wenn sie Gott als einzigen Verbündeten akzeptieren sollen.

Die all ihren irdischen Verbündeten mit tiefer Trauer nachweinen.

Nur falls Sie sich fragten, warum Gemeinde immer so ein schleppender Prozess ist:

Darum.