Lukas 17,5+6 – aufgeblasenes Senfkorn
Selbstverständlich haben Sie es sofort gemerkt: Die Frage an sich ist schon so falsch, dass man bei der Antwort von Jesus aufpassen muss.
„Mehre uns den Glauben“, haben die Kerle gesagt.
Nun machen Sie mal: Vermehren Sie mal das Vertrauen zu Gott.
Gehen Sie am besten genauso vor, wie Sie es beim Vertrauen in Ihre Bank machen: Bisher haben Sie Ihrer Bank zu 30% vertraut, und jetzt ist das Ziel, Ihr Vertrauen zur Bank so zu vermehren, dass Sie am Ende der Bank vielleicht zu 50% vertrauen.
Falls Sie es nicht gemerkt haben: Es gibt kein prozentuales Vertrauen. Wenn Sie Ihrer Bank nicht zu 100% vertrauen, werden Sie denen Ihr Geld nicht anvertrauen.
Wenn eine 20%ige Gefahr besteht, dass die Bank Ihr Geld veruntreut, vergraben Sie Ihr Geld wohl eher unterm Kellerfußboden.
Ähnlich ist es mit dem Vertrauen auf Gott: Wenn eine 20%ige Gefahr besteht, dass Gott Sie im Dreck verenden lässt oder sie sogar noch selbst hineinschubst, dann sind Sie klug beraten, wenn Sie Gott zu Null Prozent vertrauen. Denn Gott will Ihr Leben, ganz und gar.
Nicht irgendwelche unbedeutenden Teile Ihres Lebens.
Gott will jeden Aspekt Ihres Schicksals. Für immer.
Ja, ich weiß: Das ist Ihr Problem.
Nix klein
Darum steht in Jesu Antwort auch nicht, dass Sie Glauben haben müssen klein wie ein Senfkorn.
Sicher: Sie hätten gerne, dass das da steht.
Damit Sie sich auf Ihrem Kleinglauben ausruhen können. Ist ja nicht so schlimm, wenn Sie Gott nur zu x % vertrauen.
Aber hier steht nicht „klein“.
Hier ist auch nicht „klein“ gemeint oder im Stillen mitgedacht.
(Anders als in Matthäus 13,32. Da geht es um die Größe des Senfkorns. Hier nicht.)
Schlau gemacht
Klugerweise sagt Jesus überhaupt nichts über die notwendige Größe Ihres Glaubens.
Dann wäre Glaube nämlich leistungsabhängig.
Wenn Sie einen guten Tag haben, funktioniert die Sache mit Gott.
Wenn Sie ein entscheidungsfreudiger, disziplinierter Mensch sind, dann kommen Sie gut mit Gott zurecht und Gott mit Ihnen.
Aber der Drogenabhängige oder der emotional Labile oder der mit dem schlichten Gemüt, die haben halt Pech gehabt. Wer seine Gedanken nicht fokussieren kann, ist dann eben Gottes nicht würdig.
Nein, kein Wunder hängt von Ihren Fähigkeiten ab.
Wobei Fähigkeiten von der Größe eines Senfkorns ja sowieso ... aber angeblich haben die Jünger noch nicht einmal solche.
Kein Kleinglauben gar nicht
Ohnehin wäre es seltsam, wenn Jesus plötzlich den kleinen Glauben preisen oder als ausreichend bezeichnen würde.
Immer wieder hat Jesus den Kleinglauben kritisiert, und jetzt soll auf einmal ein kleiner Glaube genügen?
Der Hauptmann in Kapernaum wird wegen seines großen Glaubens über Israel gestellt (Mt 8,10), und hier soll nun ein kleiner Glaube genügen?
Noch dazu, wo die Apostel Jesus ja bitten, ihren Glauben zu vergrößern. Und da soll Jesus jetzt sagen: „Nee, passt schon. Euer kleiner Glaube genügt“? Wo er die Apostel immer wieder für ihren unzureichenden Glauben kritisiert hat?
Vergessen Sie die Gleichung Senfkorn = klein. Diese Gleichung galt in Matthäus 13,32. Hier gilt sie nicht.
Nicht ich, sondern er
Glaube basiert ja nicht auf der Frage, was ich kann. Also nicht: Wenn ich nur genug Glaube hätte, dann könnte ich ... . So funktioniert die Psychologie des positiven Denkens.
Beim Glauben geht es ja um die Frage, was Gott kann.
Und was Gott will.
Der Glaube betrachtet also das Ziel. Das gewünschte Endergebnis.
Ebenso das Senfkorn. Das rechnet mit 3 Metern, und die strebt es an. Denn das ist möglich. Das ist vorgesehen.
Das Senfkorn sagt nicht: „Ach, ich könnte ja 3 Meter, aber ich höre bei einem Meter auf. Das spart Energie, und man hat nicht soviel Windwiderstand. Was soll ich mit 3 Metern?“
Der Maßstab ist also die Möglichkeit. Nicht die Größe meines Glaubens. Und wenn die Möglichkeit riesig oder sogar unendlich ist, dann muss ich an diese Möglichkeit glauben.
Und zwar zu 100%.
Denn eigentlich kann man gar nicht wenig glauben. Entweder Sie vertrauen, oder Sie vertrauen nicht.
80%iges Vertrauen ist Misstrauen.
Um die Ecke
Natürlich können Sie jetzt um die Ecke rum wieder die Größe des Senfkorns reinbringen. Sie können sagen: Obwohl das Senfkorn so klein ist, rechnet es trotzdem mit 3 Metern. Dann haben Sie aber wieder das Problem, dass Sie Ihre persönlichen Eigenschaften in die Berechnung des Glaubens hineinwurschteln. Obwohl mein Glaube so klein ist ...
Letztlich sind die 3 Meter völlig unabhängig von der Größe des Ausgangsprodukts. Flieder und Holunder werden auch 3 Meter groß, bei anderen Samengrößen. Während die Größe des Ausgangsprodukts in Mt 13,32 eine Rolle spielt und ins Verhältnis zum Endprodukt gesetzt wird, will Jesus bei den Glaubensgleichnissen ja gerade den Gedanken weg vom Ausgangsprodukt (kleiner Glaube) hin zum Endprodukt (große Möglichkeiten) lenken.
Sie sollen sich nicht Gedanken über die Größe Ihres Glaubens machen. Die Sache mit Gott ist kein Bestandteil der Leistungsgesellschaft.
Sie sollen sich Gedanken über die Größe von Gottes Möglichkeiten machen.
Und wenn Sie so einen Glauben haben, der sich an den Möglichkeiten Gottes orientiert, dann dürften Feigenbaum und Berg kein Problem mehr darstellen.