1.Korinther 7,36-38 – Gebrauchsanweisung für Jungfrauenbesitzer
Ja, Sie können mir dankbar sein.
Löse ich hier doch gerade eines Ihrer bedrückenden Probleme.
Denn Sie haben doch sicher auch noch irgendwo eine Jungfrau herumsitzen, deren Verwendungszweck Ihnen nicht klar ist.
Aber hier werden Sie geholfen!
Der Text des Paulus lautet wie folgt: 1. Korinther 7,36–38
36Wenn aber jemand denkt, er handle unschicklich mit seiner Jungfrau, wenn er in der Vollkraft steht, und es muss so geschehen, so tue er, was er will; er sündigt nicht; sie sollen heiraten.
37Wer aber im Herzen fest steht und keine Not, sondern Macht hat über seinen eigenen Willen und dies in seinem Herzen beschlossen hat, seine Jungfrau zu bewahren, der handelt gut.
38Also, wer seine Jungfrau heiratet, handelt gut, und wer sie nicht heiratet, wird besser handeln.
Kein Fehler gar nicht
Um das gleich klar zu machen: Hier liegen keine Fehler im Text vor.
Hier sind die nicht die Pronomen verrutscht, und bei „heiratet“ in Vers 38 fehlt auch nicht das „ver“.
Und in Vers 36 steht auch nicht die Jungfrau in Vollkraft, sondern der Besitzer.
Es gibt keine alte Bibelüberlieferung, die den Text so hat, wie wir ihn gerne hätten. Wir tun also gut daran, den Text so zu akzeptieren, wie er ist. Es hat noch nie zu etwas Gutem geführt, wenn man mit dem Rotstift an das Wort Gottes drangegangen ist.
Und dass Sie den Text so nicht verstehen, ist kein Argument. Die Wahrheit des Gotteswortes ist nicht auf Ihr Verständnis begrenzt.
Denn letztlich ist der Fehler hier nur, dass Sie nicht so verkorkst denken können, wie die Korinther es sich angewöhnt hatten. Und für die Begrenztheit Ihres Denkens kann weder Gott noch der Bibelübersetzer etwas.
Der Fall
Der Fall, der hier offensichtlich vorliegt, ist, dass ein Mädchen einem jungen Mann zur Gattin versprochen wurde.
Vermutlich schon im Kindergarten. Oder in die Richtung.
Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich um einen Vertrag zwischen den Eltern der anvisierten Eheleute handelt.
Das ist schon rechtsverbindlich.
Wie die Verlobung zwischen Maria und Josef. Da musste Josef auch erst den Vertrag auflösen, bevor er aus der Sache wieder rauskam. (Ja, ich weiß, er hat das dann nicht gemacht. Weil Gott ihm eine anderslautende Weisung erteilt hat.)
Jetzt hat also der junge Mann eine Braut, von der ihm gesagt wurde: Wenn sie 14 ist, kannst du sie haben. Er selbst ist vielleicht 17 oder 20.
Und dann kommt in der Gemeinde die Lehre auf, dass Sexualität unrein ist und von Gott trennt. Das ganze Kapitel 7 beschäftigt sich mit dieser problematischen Lehre.
Die Braut ist da. Die Eigentumsverhältnisse sind vertraglich geregelt. Die Braut steht ihm zu, sie steht für ihn bereit.
Sie ist „seine Jungfrau“.
Sie kann sich keinen anderen aussuchen.
Und der junge Mann steht „in seiner Vollkraft“. Die Männer unter den Lesern wissen, was die Hormone eines Mannes zwischen 17 und 27 für ein Theater machen.
Darum heißt es in Vers 36 auch nicht, der Besitzer handele unschicklich „an“ seiner Jungfrau. Das würde bedeuten, dass er zumindest irgendwie an dem Mädchen handelt. (Das Mädchen interessiert in diesem Text nicht. Ihre Meinung wird nicht gefragt.)
Da steht: Er handelt unschicklich „mit“ seiner Jungfrau. Das ist die Antwort auf die Frage des jungen Mannes: „Was soll ich jetzt mit ihr machen?“
Soll er sie heiraten und mit ihr die Ehe vollziehen?
Oder soll er sie als seine ewige Verlobte behalten, die er niemals anrührt?
Kurzum
Falls Sie also bisher mit diesem Text nichts anfangen konnten, lag es vermutlich daran, dass Sie nicht so seltsam denken konnten, wie die Korinther gedacht haben.
Dass Ihnen die Meinung, Sexualität mache unrein, nicht einleuchtet.
Verständlich. Denn um den Text zu verstehen, muss man den Charakter von Verlobung und Ehe zur damaligen Zeit berücksichtigen und den Gedanken kennen, dass Askese heiliger macht als andere Lebensstile.
Noch eine Besonderheit
Beachtenswert ist zusätzlich, dass Paulus in diesem Abschnitt überhaupt nicht auf die Frage eingeht, ob man von der Sexualität lassen soll, weil sie unrein macht.
Bis Vers 24 ging es um diese Frage. Bis dorthin war das Thema, wie Heiligung geschehen kann.
Jetzt aber ist der Maßstab des Paulus, wie man besser lebt.
Die Antwort des Paulus beruht auf den Fragen:
· Wer hat weniger Sorgen? (Vers 32)
· Wer ist glücklicher? (Vers 40)
· Was ist nützlicher? (Vers 35)
Ganz praktisch.
Es geht nicht um die Frage: Wie geht es Gott besser?
Sondern es geht um die Frage, wie es den Christen besser geht.
Weil es für Gott nämlich letztlich egal ist, ob Sie nun heiraten oder nicht. Gott kommt mit beiden Möglichkeiten gut zurecht.
Aber ob es Ihnen gut geht, das ist für Gott durchaus eine wichtige Frage.