1.Korinther 11,3 – wir verteidigen das Patriarchat
Es hat schon lange vorher angefangen.
Als Jesaja die neue Welt so beschrieb, dass der Wolf und das Lamm zusammen in der Sonne liegen und die Kinder von Kuh und Bär zusammen spielen (Jesaja 11,7). Damals, als Unmögliches plötzlich denkbar wurde, ging es los.
Als Joel erzählte, dass der Geist Gottes auf die Menschen ausgegossen wird ohne Rücksicht auf deren gesellschaftliche Stellung, ihre Bildung, ihr Alter oder ihr Geschlecht (Joel 3). Damals, als alle Grenzen zwischen den Menschen wegfielen, hat es angefangen.
Als Hesekiel das Rinnsal sah, dass aus dem Tempel tropfte und sich aus dem Nichts vermehrte und soviel Leben brachte, so viel! Als sich alles veränderte, nur wegen dieses Wassers (Hesekiel 47). Das war der Anfang gewesen. Damals wurde die Lawine losgetreten.
Armer Paulus
Paulus saß jetzt da mit den Korinthern, die das verstanden hatten.
Die die Geschichten von Jesus kannten.
Die mitbekommen hatten, dass Tote lebendig wurden, Blinde wieder sahen, Dämonen ihre Macht verloren, Feigenbäume abserviert wurden, Stürme sturmlos wurden und Fischernetze sich füllten, als habe eine Fischfabrik nachgeholfen.
Dieser Jesus, der einer Samariterin den Messias offenbarte; der einem ausländischen Legionär seinen größten Wunsch erfüllte; der die Kinder zu sich kommen ließ; der den Aussätzigen Gnade erwies und sich um den Blutfluss einer Frau kümmerte.
Es war offensichtlich, dass die Welt jetzt nach neuen Regeln funktionieren konnte.
Dass das Alte nicht mehr zwingend war.
Dass es jetzt eine zweite Möglichkeit zu leben gab.
Es war eindeutig, dass die Machtverhältnisse sich geändert hatten. Die Macht der Krankheit war gebrochen, die Macht des römischen Heers war vorbei, und der Teufel hatte einen Fehler gemacht, der ihn die Herrschaft gekostet hat.
Noch eindeutiger
Ach, es kommt noch schlimmer: Offenbar konnten die (verheirateten) Frauen in der Gemeinde neuerdings tatsächlich mit Vollmacht beten und weissagen.
Die laberten nicht irgend so ein Zeugs daher, wie wir das heute oft in den Gemeinden sehen: „Ich sehe einen großen Baum und eine Wolke – ist das für jemand?“
Diese Frauen hatten keine Eindrücke, die hatten Vollmacht.
Was insofern blöd war, weil sie ansonsten in der Gesellschaft überhaupt keine Macht oder Vollmacht hatten. Alle Macht und Vollmacht hatten ihre Ehemänner.
Diese Frauen erlebten jetzt also die Umkehrung aller Verhältnisse in ihrem eigenen Leben.
Und sie gingen nun davon aus, dass diese Umkehrung der Verhältnisse nicht nur auf ihr geistliches Leben bezog.
Sondern auch auf ihre reales Leben.
Nicht nur gegenüber Gott, sondern gegenüber allen Menschen und der ganzen Welt.
Genau gesagt
In diesem Beispiel, mit dem Paulus sich herumschlagen musste, ging es um folgendes: Wenn die Frauen tatsächlich mit Vollmacht weissagen konnten, dann war nicht mehr der Ehemann ihr Haupt (Chef, Vorgesetzter, Herr), sondern der Christus.
Der Ehemann stand nicht mehr zwischen der Frau und Gott.
Die Frau konnte logischerweise sagen: Ich muss nicht mehr dem Mann gehorchen, sondern ich gehorche jetzt dem Christus.
Und um das deutlich zu machen, haben diese Frauen im Gottesdienst ihre Kopfbedeckungen abgelegt (oder nach hinten geschoben), welche sie als verheiratete Frauen kennzeichneten.
(Wir kennen auch noch den Ausdruck „unter die Haube kommen“ für eine Frau, die geheiratet wird.)
Trotzdem nicht
Obwohl die Frauen die Wirkung des Christus genau richtig verstanden hatten, grätscht Paulus ihnen dennoch massiv dazwischen.
Denn das Patriarchat war das einzige Gesellschaftssystem, das zur Verfügung stand.
Seit Jahrtausenden.
Die gesamte Funktion von Staat und Familie hing an diesem Prinzip.
Es gab keine Alternative. Demokratie, Gleichberechtigung, Menschenrechte, Teilhabe, all das war noch nicht gedacht und damit auch nicht denkbar. (Das würde noch viele Jahrhunderte so bleiben.)
Zur Zeit des Paulus war Anarchie die einzige Alternative zum Patriarchat. Und sowas will ja nun doch niemand; und der römische Staat hätte so etwas wohl auch brutal niedergeschlagen.
Aber viel wichtiger und viel schlimmer:
Wenn die Frauen den Männern den Gehorsam verweigert hätten, wäre es zu Machtkämpfen gekommen.
Und Machtkämpfe sind immer vom Teufel.
Machtkämpfe verhindern
Jesus hat den Machtkampf mit der Obrigkeit nicht aufgenommen. Doch, er hätte 12 Legionen Engel zur Verfügung gehabt (Matthäus 26,53), um der Regierung zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Jesus hat die Leute in Nazareth, die ihn von der Klippe stürzen wollten (Lukas 4,30), nicht verprügelt oder selbst von der Klippe geschubst. Er ist durch sie hindurchgegangen, und es gab keine Gewinner oder Verlierer.
Jesus hat in der Bergpredigt allerlei Anweisungen gegeben, um Machtkämpfe zu verhindern: Die zweite Meile gehen, die andere Wange hinhalten, den Feind lieben, und selig sind die Sanftmütigen.
Und wenn die Pharisäer ein Zeichen sehen wollten – was eine Art von Machtkampf ist – hat Jesus nicht mitgespielt.
Als die Jünger diskutierten, wer von ihnen der Größte sei, war Jesus dagegen.
Und das Feuer auf das samaritanische Dorf wäre sicher eine eindrucksvolle Machtdemonstration gewesen. Hat Jesus aber unterbunden.
Der Hintergrund
Machtkämpfe sind immer ein Abklatsch des universalen Kampfes zwischen Licht und Finsternis.
Gewinnen kann man Machtkämpfe in der Regel nur mit den Mitteln der Finsternis – mit Unterdrückung, Gewalt, Erniedrigung, Erpressung.
Darum sind Jesus und Paulus absolut dagegen.
Keine Revolution
Hinzu kommt etwas, das sich bei Paulus durchzieht:
Das Evangelium ist so dermaßen radikal und so außerordentlich besonders, dass es sich für normale Menschen ohnehin schon extrem schräg anhört.
Wenn diese irre Botschaft jetzt noch mit einem verrückten gesellschaftlichen Verhalten zusammenfällt, dann wird man keine normalen Menschen mehr für dieses Evangelium gewinnen können.
Darum hat Paulus immer darauf gedrungen, dass man sich gesellschaftlich allerhöchstens unauffällig, am besten sogar hochgradig ehrenwert verhält.
Wenn man durch Auferstehung, Liebe, Barmherzigkeit und Dämonenaustreibung auffällt, ist das schräg genug.
Noch mehr Extravaganz hilft dem Reich Gottes nicht weiter.
Für heute
Es geht also in diesem Abschnitt um die Rechte der Frau oder die Bekämpfung des Feminismus.
Es geht noch nicht einmal um Unterordnung.
Es geht um etwas viel Grundlegenderes. (Ja, ich weiß: Mancher wird sagen, etwas Grundlegenderes als Gleichberechtigung gibt es nicht. Ist biblisch aber Quatsch.)
Es geht darum, dass das Licht nicht mit den Waffen oder Methoden der Finsternis kämpfen darf. Weil es dann nämlich kein Licht mehr ist.
Und es geht darum, dass man den Menschen nicht dient, wenn man die Annahme des Evangeliums so schwer wie möglich macht.
Das beste Gute muss immer den Vorrang haben vor dem zweitbesten Guten.